|
Räuber und Gendarm
Auf der Jagd nach dem Paraguayischen Volksheer EPP ruft
Präsident Lugo den Ausnahmezustand aus
Nach neuen Zwischenfällen mit der Guerilla verschärft
Präsident Fernando Lugo in Paraguay die Sicherheitsmaßnahmen.
Neben einer engen Militärkooperation mit Kolumbien und einer
geplanten Änderung des Verteidigungsgesetzes wurde in fünf
Departamentos der Ausnahmezustand ausgerufen. Doch statt des
erhofften inneren Friedens sorgt dies nur für neue Querelen.
Text: // Tobias Wallusch
Auszzug entnommen aus: Nummer 432 - Juni 2010
http://www.lateinamerikanachrichten.de/
Ein Gespenst geht um
Die Guerilla-Streitkräfte des Paraguayischen Volkes
(EPP) bringt die Regierung um Lugo in Bedrängnis und die
Gerüchteküche des Landes zum Brodeln
Eine Guerilla-Formation macht in Paraguay derzeit mit Aktionen
gegen Großgrundbesitz von sich reden. Die Regierung um
Fernando Lugo gerät dadurch in arge Bedrängnis. Politisch
rechte Kreise werfen dem Präsidenten Tatenlosigkeit oder
gar eine Verstrickung in die Machenschaften der Guerilla vor.
Linke Kreise und soziale Bewegungen kritisieren den Einsatz von
Spezialkräften im Norden des Landes.
Ganz Asunción schien in Weiß gehüllt zu sein.
Es war jedoch kein Schnee, sondern eine Vielzahl von Schleifen,
Plakaten und Aufklebern, die das Hauptstadtpanorama derart prägten.
Geziert mit Schriftzügen wie Wir alle sind Fidel,
Kraft für Fidel oder Für ein friedliches
Paraguay sollten diese Solidarität mit dem Großgrundbeseitzer
und Viehzüchter Fidel Zavala demonstrieren. Dieser erlangte
dann Mitte Januar seine Freiheit wieder, nachdem er 94 Tage zuvor
von einer Guerilla, die sich Streitkräfte des Paraguayischen
Volkes (EPP) nennt, entführt worden war. Lösegeld in
Höhe von einer halben Million US-Dollar sowie die Übergabe
30 geschlachteter Rinder an arme Gemeinden ließen seine
Entführer/innen schließlich einlenken.
Es war nicht das erste Mal, daß die EPP in Erscheinung
trat. Doch das meiste, was über sie bekannt ist, bleibt
Spekulation, die meisten ihrer aktiven Mitglieder in Freiheit
ohne Gesicht. Ihre Zahl wird auf 15 bis 60 geschätzt. Der
Kreis der Sympathisant/innen und Unterstützer/innen sei
um einiges größer. Ziel ist die Umgestaltung der Gesellschaft,
da diese laut EPP auf der extremen Armut der Massen aufbaue.
Die Wurzeln der Gruppe liegen in der linksradikalen Partei Patria
Libre. In den 1990er Jahren beteiligte sich die Partei auf legale
Weise am politischen Geschehen und wurde geleitet von den Führungsfiguren
Juan Arrom und Anuncio Martí. Als der erhoffte Erfolg
ausblieb, wechselten sie 2001 die Strategie: Teile der Partei
waren in die Entführung von María Bordón de
Debernardi verwickelt, der Schwiegertochter des ehemaligen Direktors
des Wasserkraftwerks Itaipú, Enzo Debernardi. Die Entführte
wurde nach Zahlung von zwei Millionen US-Dollar Lösegeld
freigelassen.
Die Staatsgewalt wußte sich damals nicht anders zu helfen,
als ihrerseits Arrom und Martí zu entführen und in
einer leerstehenden Wohnung in den Außenbezirken von Asunción
zu foltern. Dunkle Erinnerungen an die Militärdiktaturen
werden hier wach. Beide kamen schließlich auf Druck von
Angehörigen und der Presse frei, und flüchteten kurz
darauf nach Brasilien.
Doch die Entführungen gingen weiter. Im September 2004 traf
es Cecilia Cubas, die Tochter des ehemaligen Präsidenten
Raúl Cubas. Verhandlungen blieben erfolglos, und fünf
Monate später wurde die tote Cubas nackt und gefesselt in
einem Erdloch aufgefunden. Angehörige von Patria Libre bestreiten
bis heute ihre Beteiligung an der Tat. Osmar Martínez
wurde als Drahtzieher zu 35 Jahren Haft verurteilt, doch er bezeichnet
die gegen ihn vorliegenden Beweise als fingiert. Ein angeblich
aufgefundenes Instruktionsvideo sowie diverse Emails sollen außerdem
die Verwicklung der kolumbianischen FARC beweisen. Doch die ehemalige
Guerillera Carmen Villalba widerspricht dem. Nach der Debernardi-Entführung
wurde sie verhaftet und zu 18 Jahren hinter Gittern verurteilt
und stellt seitdem aus dem Gefängnis heraus eine Art Stimme
der bewaffneten Gruppe dar. Sie behauptet, die Verbindung zur
FARC sei erfunden worden, um Gelder aus Kolumbien und den USA
zur Terrorismusbekämpfung einzuwerben.
In den folgenden Jahren wurde es ruhiger um die Gruppe. Im März
2008 trat sie dann unter ihrem heutigen Namen EPP erneut in Erscheinung.
Damals zerstörten die gueriller@s mehrere Produktionsanlagen
einer Sojaplantage, gegen deren Besitzer zuvor Vorwürfe
wegen Pestizideinsatzes erhoben worden waren. Einen Monat später
folgte ein Überfall auf eine Polizeistation in Hugua Ñandu,
bei dem Waffen erbeutet wurden. Im Juli wurde der Großgrundbesitzer
Luis Lindstroem entführt, der nach einer Zahlung von 350.000
US-Dollar freigelassen wurde. Ende 2008 attackierte die Gruppe
einen Militärposten in Tacuatí und ließ diesen
in Flammen aufgehen. Auf massiven Druck der Medien hin wurde
von staatlicher Seite der Plan Jerovia (Guaraní
für Glaube) ins Leben gerufen. Eine Hundertschaft
von Polizisten und Spezial-
einheiten durchpflügte den Norden des Landes. Während
es dabei zu Mißhandlungen von campesin@s kam, konnten die
Sicherheitskräfte keine Spuren der Guerilla finden. Zuletzt
war im März 2009 von der EPP zu hören, als ihr ein
glimpflich abgelaufener Bombenanschlag auf den Justizpalast von
Asunción zugeschrieben wurde.
Das operative Zentrum der Gruppe soll sich im Norden des Landes
befinden. In dieser Region im Dreieck der Departamentos San Pedro,
Concepción und Amambay ist die ungleiche Landverteilung
besonders ausgeprägt, es gibt viele Großgrundbesitzer/innen,
die Wälder abholzen, sich der extensiven Viehzucht und dem
Anbau von gentechnisch manipulierten Soja widmen. Präsident
Fernando Lugo machte sich vor seinem Wahlsieg in diesem Gebiet
als Armenbischof einen Namen. Die Armut der Masse der Kleinbäuerinnen
und -bauern stellt einen reichen Nährboden für politische
Gruppierungen dar, die Besserung versprechen. Ihre sozialrevolutionäre
Rhetorik verschafft der EPP natürlich auch Sympathie von
Seiten der Kleinbäuerinnen und -bauern. Manche sprechen
gar von einer Symbiose à la Robin Hood. Nach dieser Interpretation
steckt die EPP das von ihr erbeutete Geld in Hilfsprojekte und
finanziert soziale Proteste. Zu dieser Darstellung der Guerilla
paßt die Forderung der EPP, die Familie Zavalas solle 30
geschlachtete Rinder an indigene Gemeinden und Armensiedlungen
abgeben. Daß es aber erst einer Guerilla für solch
ein soziales Engagement bedürfe, spricht Bände über
die schwache Zivilgesellschaft des Landes.
Die staatliche Seite spricht der Gruppe dennoch jegliche politische
Intention ab. Keine Guerilla, sondern eine verbrecherische Bande
treibe ihr Unwesen in einem Land, in dem Entführungen gut
betuchter Personen so unüblich ja auch nicht sind. So wird
behauptet, die EPP sei in Wirklichkeit eine Drogenmafia, die
für ihre kriminellen Machenschaften nur ein politisches
Käppchen aufgesetzt habe. Eigentlich legitime soziale Forderungen
lassen sich so natürlich leicht kriminalisieren.
Präsident Fernando Lugo bleibt bei all dieser Spekulation
auch nicht verschont. Rechte Kreise in Paraguay werfen ihm wegen
seiner vermeintlich klassenkämpferischen Rhetorik die Anstachelung
sozialer Verwerfungen und eine Mitschuld an der Gewalt vor. Andere
sehen seine angebliche Tatenlosigkeit als Beweis für eine
Sympathie mit der Guerilla oder meinen gar persönliche Kontakte
zwischen ihm und der Gruppe ausmachen zu können, da einige
der Beteiligten ehemalige Schüler seines Priesterseminars
sein sollen. Arrom, der charismatische, ehemalige Chef von Patria
Libre, den viele trotz seines Exils in Brasilien in Verbindung
mit den Entführungen sehen, wird ebenfalls eine sehr enge
Beziehung zum Präsident nachgesagt. Angeblich soll er auf
einer Feier einer der Frauen gesehen worden sein, die den ehemaligen
Bischof Lugo als Vater ihres Kindes proklamieren. Der Sinn einer
solchen Verbindung dürfte sich allerdings ausschließlich
Mitarbeiter/innen der Regenbogenpresse erschließen.
Die einzigen Zusammenhänge, die sich zwischen Lugo und der
Guerilla ausmachen lassen, liegen in den Stellungnahmen der EPP.
Dort wird die sehr unbefriedigend verlaufende Agrarreform als
einer der Gründe für die Aktionen genannt. Der Präsident
seinerseits distanziert sich von jeglichem gewaltsamen Extremismus.
Die Linke nimmt Lugo dagegen die von dem ihm treuen Innenminister
Rafael Fillizola eingeleitete Operativo Triangulo
übel, die ähnlich dem Plan Jerovia erneut
mehrere hundert Spezialkräfte in den Norden verlagert. Bei
vielen weckt dies schlimme Erinnerungen an vergangene Tage. Erst
nach der Zahlung des Lösegeldes im Fall Zavalas kam es zur
Verhaftung einer Reihe vermeintlicher gueriller@s, welche die
EPP logistisch unterstützt haben sollen. Es traf unter anderem
die Tochter eines bekannten Funktionärs der Bauernorganisation
OCN, die in Kuba studiert hatte.
Mag die Erfolglosigkeit bei der Suche nach den zentralen Aktiven
der EPP vielleicht daran liegen, daß die EPP letztlich
gar nicht existiert? Ist sie gar eine Fantasiegeburt der Presse
und konservativer Kräfte, um Lugo in Verlegenheit zu bringen?
Allzu dünn seien die Beweise, die auf die Existenz der Guerilla
hinweisen, glauben die Vertreter/innen dieser Theorie. Auch wenn
diese Version sich einigen Zuspruchs erfreut, scheint sie angesichts
des betriebenen Aufwands doch sehr abwegig.
Auf jeden Fall nutzt die Rechte dieses Durcheinander nur allzu
gerne aus, um das schon seit einiger Zeit in der Luft schwebende
Amtsenthebungsverfahren gegen Lugo voranzutreiben. Neben dem
Wirken der Guerilla - die jedoch schon lange vor Lugo aktiv war
- werfen sie Lugo den Bruch zentraler Wahlversprechen vor. Dabei
wird unterschlagen, daß Reformen nun einmal Zeit brauchen
und Lugo mit der Neuaushandlung des Vertrages mit Brasilien über
den Itaipú-Staudamm, sowie den Maßnahmen im Gesundheitsbereich
wichtige Schritte gelungen sind. Sein Programa Abrazo
brachte außerdem bis heute über tausend Straßenkinder
in sozialen Heimen unter.
Trotz der gezielt verzerrten Berichterstattung der mit den Unternehmer/innen
des Landes verflochtenen Massenmedien fehlen für das Amtsenthebungsverfahren
bisher noch die notwendigen Stimmen. Teile der Liberalen Partei
PRLA, die Lugo ursprünglich unterstützte, fahren daher
weiterhin schwere Angriffe gegen ihn. Vizepräsident Federico
Franco, der als Teil der Exekutive den Präsidenten zwar
kontrollieren, aber eigentlich unterstützen sollte, spinnt
fleißig Intrigen und sieht sich wohl bereits als Lugos
Erbe. Damit will die Colorado-Partei, die wegen Lugo ihre 68
Jahre dauernde Alleinherrschaft beenden mußte, nicht leben.
Doch mit der Ankündigung ihres Angeordneten Luis Alberto
Castiglioni, mit seiner Gefolgschaft künftig das Amtsenthebungsverfahren
zu unterstützen, könnte Francos Wunsch bald in Erfüllung
gehen.
Offen ist, wie sich das Militär verhalten wird. Die Streitkräfte
halten sich zwar seit den verheerenden Ereignissen um ihren damaligen
Oberbefehlshaber Lino Oviedo, der 1996 und 1999 beinahe putschte,
mit ihrer Einflußnahme auf die Politik zurück. Aber
Spannungen zwischen Lugo und den Streitkräften sind offensichtlich.
Und seit seinem Amtsantritt besetzte Lugo bereits mehrfach führende
Generalsposten in den Streikräften neu.
Gerade die jüngsten Ereignisse in Honduras haben auch gezeigt,
wie verfassungswidrige militärische Einflußnahme innerhalb
kurzer Zeit per Wahlen nachträglich legitimiert werden kann.
Diese Erfahrung könnte die Militärs zusätzlich
anstacheln. Mit oder ohne Guerilla, dem Präsidenten stehen
schwere Zeiten bevor.
Text: // Tobias Wallusch
entnommen aus: Lateinamerika-Nachrichten, Ausgabe: Nummer 428
- Februar 2010
http://www.lateinamerikanachrichten.de/
Soja und die Folgen in Paraguay
In Paraguay boomt die Soja-Industrie und läßt die
sozialen und ökologischen Alarmglocken schrillen
Was früher die karibischen Bananenrepubliken waren, das
sind heute die Sojarepubliken" im Cono Sur",
dem südlichen Teil Südamerikas. Fünfzig Millionen
Hektar monotoner grüner Felder scheinen kein Ende zu nehmen
und erstrecken sich über Argentinien, Bolivien, Brasilien
und Paraguay. Das vergleichsweise winzige Paraguay ist der weltweit
sechstgrößte Produzent von Soja. Die Sojabohne ist
mit Abstand nicht nur das wichtigste Exportprodukt des Landes,
sie ist mit knapp vierzig Prozent der landwirtschaftlichen Produktion
auch der zentrale Pfeiler der paraguayischen Wirtschaft.
Das grüne Gold
Soja boomt. Die weltweit steigende Nachfrage nach Tierfutter
und Agrokraftstoffen läßt die Preise für die
eiweißreiche Hülsenfrucht nach oben schnellen. Die
Gewinnchance ist eine doppelte: Sojaschrot als Futtermittel und
Sojaöl als Treibstoff. In Paraguay herrscht eine richtige
Goldgräberstimmung", meint Thomas Lackner von Global2000.
Für Soziales und Umwelt seien Goldgräberstimmungen
jedoch noch nie besonders gut gewesen. Jetzt schrillen die Alarmglocken.
Einerseits ziehen die großen, unerschlossenen Naturräume
immer mehr Investoren an, was zu massiven Entwaldungen führt.
Andererseits werden bestehende Felder - auf denen zuerst etwa
Nahrungsmittel für den eigenen Konsum angebaut wurden -
quasi sojafiziert". Vor dem Hintergrund der weltweiten
Nahrungsmittelkrise läßt das aufhorchen. Schon
als Soja noch kein so großes Geschäft war, kamen Kleinbauern
und Indigene tendenziell unter die Räder", erklärt
Lackner. Jetzt werde das durch Spekulation extrem. Denn im Angesicht
der steigenden Nachfrage wird der fruchtbare, paraguayische Boden
immer wertvoller.
Auf der Flucht
Die Flüchtlinge des Agroexportmodells": So betitelte
das Sozialforschungsinstitut Base IS" eine Studie
über die Folgen der Sojamonokulturen für die bäuerlichen
Gemeinden in Paraguay. Angesichts einer vielerorts prekären,
wirtschaftlichen Situation verkaufen oder verpachten viele Kleinbauern
ihr Land an brasilianische Sojafarmer. Ihnen bleibt danach oft
keine andere Wahl, als in die Elendsviertel der Hauptstadt Asunción
abzuwandern. Denn Arbeit gibt es in der hoch mechanisierten Sojaindustrie
kaum.
Diejenigen, die bleiben, sitzen oft inmitten schier endloser
Felder. Das sind Sojawüsten. Dort hört man keine
Vögel mehr", erzählt Thomas Lackner fast resigniert.
Dazu kommt der exzessive Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in
unmittelbarer Nachbarschaft. Vor allem Kindern setzen diese zu,
sie leiden an Hautreizungen und Atemwegsbeschwerden. Im Jahr
2003 starb der elfjährige Silvino Talavera nach Pestizidsprühungen
in der Provinz Itapúa, im Süden Paraguays. Das einzig
Positive an dem traurigen Ereignis: Erstmals wurden die Verantwortlichen
verurteilt und somit ein Präzedenzfall geschaffen.
Verantwortungsvolle Soja
Die sozialen und ökologischen Folgen des Sojaanbaus schreien
zum Himmel. Der WWF hat darum die Soja-Industrie und Nichtregierungsorganisationen
(NGOs) zu einem runden Tisch gerufen, um über verantwortungsvolle
Soja" zu sprechen. Wirtschaftlich soll die Sojaproduktion
sein, bei gleichzeitiger sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit.
Die Erdölkonzerne BP und Shell, die Agrarunternehmen Cargill
und Bunge und der Lebensmittelriese Unilever diskutieren mit.
Der sogenannte Round Table on Responsible Soy" steht
jedoch im Kreuzfeuer der Kritik. Zahlreiche NGOs haben sich von
der Initiative distanziert und werfen dem WWF vor, corporate
greenwashing" zu betreiben.
Das tägliche Schnitzel
Soja ist, solange es agroindustriell hergestellt wird,
niemals nachhaltig", skizziert Thomas Lackner die Position
von Global2000. Kleinräumig, unter Einsatz lokaler Methoden
angebaut, sei die Soja erst verträglich. Ein derartiger
Schwenk der Sojaindustrie ist unwahrscheinlich, solange sich
am Verbrauch nichts ändert. Unser tägliches Schnitzel,
die tägliche Autofahrt, das sind die eigentlichen Motoren
des Soja-Booms", weist Lackner hin. Strukturelle Veränderungen
wären auch in Paraguay notwendig. Jahrelang setzte das Land
wirtschaftspolitisch fast ausschließlich auf eine Steigerung
der Agrarexporte, vor allem von Soja. Volkswirtschaftlich hat
sich diese Priorität auch gelohnt, so liegt die Wachstumsrate
heute bei über sechs Prozent. Die ökologischen und
sozialen Folgen der Soja-Industrie, wie sie aktuell betrieben
wird, sind jedoch verheerend.
entnommen aus Latinoportal
Das Schweigen der Medien
Massenmedien sind längst nicht mehr die Diener der Öffentlichkeit.
Sie sind zu Dompteuren mutiert, welche die Meinung des primitiven
Wesens "Volk" zu trimmen haben, auf daß es brav
"Männchen" mache oder lautstark mit den Zähnen
fletsche - wie es den an den Schaltstellen der Macht sitzenden
"Zirkusdirektoren" eben gerade beliebt. Das gilt besonders
für Amerika.
Deshalb veröffentlicht eine kleine kalifornische Universität
jedes Jahr eine Rangliste der wichtigsten Meldungen, welche die
amerikanischen Medien nicht publizierten. Diese Liste
nennt sich Project censored ("Projekt Zensur")
und wird mit viel Aufwand von Experten und Studenten der Sonoma
State University zusammengestellt. Knapp tausend Berichte
aus aller Welt prüft man so auf ihre Wichtigkeit und die
Beachtung, die sie von den US-Medien erhielten. Die 25 offensichtlichsten
Beispiele von Medienzensur werden dann im aktuellen Jahrbuch
veröffentlicht. Wir publizieren hier ausgewählte Beispiele
des Jahrbuchs 2001, die von globaler Bedeutung sind:
Novel Food kann die Gesundheit gefährden
1998 führte Dr. Arpad Pusztai am Rowett-Forschungsinstitut
im schottischen Aberdeen die erste unabhängige Studie über
genmanipulierte Nahrungsmittel durch, die nicht von der Industrie
gesponsert wurden. Ratten, die mit genmanipulierten Kartoffeln
gefüttert wurden, wiesen Organdegenerationen und Gehirnschäden
auf. Pusztai trat mit seinen schockierenden Ergebnissen sogar
im britischen Fernsehen auf. Wenig später wurde er jedoch
von seinem Chef, dem Direktor des Rowett-Instituts, kurzerhand
gefeuert. Seine Arbeiten wurden unter Verschluß gebracht
und sechs ähnlich gelagerte Studien abgebrochen. Später
kam heraus, daß der US-Konzern Monsanto kurz vor
Pusztais TV-Interview eine Spende von 224.000 US-Dollar an das
Rowett-Institut gemacht hatte.
UN-Partnerschaft mit Großkonzernen
Die Vereinten Nationen möchten sich wirtschaftsfreundlicher
geben. Deshalb gehen UN-Organisationen Partnerschaften mit multinationalen
Unternehmen wie McDonalds's, Disney, Dow
und Unocal ein. Damit will man das Wohlwollen der USA
auf sich ziehen und hofft, so mehr finanzielle Unterstützung
aus privaten Kreisen für die entsprechenden UN-Organisationen
zu erhalten. Leider wird manchen der umworbenen Konzernen von
Menschenrechtsorganisationen vorgeworfen, Arbeitsrechte mit Füßen
zu treten. Diese Gruppierungen stellen besorgt die Frage, ob
die UNO unter solchen Umständen überhaupt noch in der
Lage sein wird, ein Gegengewicht zu diesen globalen Wirtschaftsgiganten
zu bilden.
Die WTO ist illegal
Die Welthandelsorganisation WTO ist das wichtigste Druckmittel,
der multinationalen Konzerne, um sich über die Wirtschafts-
und Sozialpolitik der Nationalstaaten hinwegzusetzen. (Beispiel:
1995 klagt der Babynahrzungskonzern Gerber Guatemala vor
dem privaten WTO-Tribunal an, weil die Regierung ein Gesetz erlassen
hatte, das die Mütter zum Stillen mit der Brust anregen
sollte. Mit diesem Gesetz, so argumentierte Gerber, schädige
Guatemala die Absatzmöglichkeiten von industrieller Babynahrung.
Die Regierung bekam Angst und änderte das Gesetz "freiwillig"
ab.)
Die WTO widerspricht der Deklaration der Menschenrechte und neutralisiert
UN-Behörden wie beispielsweise die International Labor
Organization. Die WTO-Verträge wurden 1994 in Marokko
hinter verschlossenen Türen ausgehandelt und von keiner
Regierung for5mal ratifiziert. Heute sind die WTO-Bestimmungen
Internationales Recht,das über der nationalen Gesetzgebung
steht, obwohl bei ihrer Entstehung sämtliche demokratischen
Regeln vernachlässigt wurden.
(Quelle: Michel Chossudovsky: Seattle and Beyond: The Illegality
of the WTO. www.caq.com)
Petkau-Effekt einmal mehr bestätigt
Wann immer hitzig über Grenzwerte duskutiert wird, wollen
die Behörden der Bevölkerung weismachen, daß
sehr geringe Dosen an chemischen Giften oder Strahlungswerten
- die eben "unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte"
liegen - für die Gesundheit unbedenklich seien. Immer wieder
wurden diese Behauptungen Lügen gestraft. Studien aus den
USA belegen dies erneut. Bereits winzigste Chemikalienrückstände
im Trinkwasser oder in den Lebensmitteln können das natürliche
Hormongleichgewicht im Körper massiv stören. So wurden
beispielsweise nur schon geringe Spuren von Dioxin, DDT und anderen
Chemikalien für neurologische und Immunprobleme, Entwicklungsstörungen
und Lernschwierigkeiten sowie Geburtsfehler und Unfruchtbarkeit
verantwortlich gemacht. Gemäß Dr. Pete Myers, Co-Autor
von Our Stolen Future (Unsere gestohlene Zukunft), treten
diese Schädigungen bereits auf, wenn die gesetzlichen "Grenzwerte"
eingehalten werden.
Nicht von der Industrie gekaufte Wissenschaftler weisen seit
Jahrzehnten auf die Tatsache des sogenannten Petkau-Effekts hin:
Dieses wichtige Naturgesetz besagt nämlich, daß eine
geringe Dosis Gift oder Strahlung über lange Zeit viel schädlicher
wirkt als eine hohe Dosis über kurze Zeit. Deshalb sind
gesetzlich erlaubte, kaum meßbare Langzeitbelastungen so
schädlich.
Schlußgedanken
Soweit einige Auszüge aus dem von der kalifornischen
Sonoma-Universität zusammengestellten Jahrbuch 2001 über
die wichtigsten Meldungen, die der amerikanischen Zensur zum
Opfer gefallen sind. Auf ihrer Internetseite erklären die
Studenten ihr Engagement für dieses Jahrbuch mit Worten,
denen man nur beipflichten kann: "Mit Project censored
wollen wir auf ein zentrales Thema hinweisen: Das Versagen der
Massenmedien, die Menschen mit allen Informationen zu versorgen,
die sie brauchen, um informierte Entscheidungen fällen zu
können, die ihr eigenes Leben ebenso betreffen wie die Wahl
an der Urne."
(Anmerkung: "Versagen der Massenmedien"? Da lachen
doch die Hühner!
Mehr dazu unter: www.projectcensored.org.
(entnommen aus ZeitenSchrift, 2002, 2. Quartal)
Fernando Lugo, Foto: AP
13. August 2008
Neuer Präsident in Paraguay:
"Das ganze Land ist meine Kathedrale"
Fernando Lugo: Seelsorge war ihm zu wenig
Der Vatikan suspendierte Fernando Lugo, als der Bischof in die
politische Arena treten wollte. Nach einer Blitzkarriere wird
der gemäßigte Linke nun Staatschef von Paraguay. Die
Befreiungstheologie prägt sein Regierungsprogramm.Fernando
Lugo wird am Freitag nach einem historischen Wahlsieg im April
das höchste Staatsamt in Paraguay übernehmen. Es ist
der erste demokratische Machtwechsel in der Geschichte des Landes.
Mit zehn Prozentpunkten Vorsprung hatte der 57-jährige für
eine Mitte-Links-Allianz klar gegen die Colorado-Partei gewonnen,
die seit 61 Jahren regiert.
Der kräftig gebaute Theologe mit dem grauen Bart, der schon
einmal kämpferisch die Faust hebt, hat mit einer politischen
Blitzkarriere für Aufsehen gesorgt. 2004 war er von seinem
Bischofsamt zurückgetreten, 2006 setzte er sich an die Spitze
einer breiten Protestbewegung. Sie verhinderte eine Verfassungsänderung,
die Präsident Nicanor Duarte eine Wiederwahl ermöglicht
hätte.
Seinen endgültigen Einzug in die politische Arena gab Lugo
mit folgenden Worten bekannt: "Von nun an wird das ganze
Land meine Kathedrale sein." Daraufhin suspendierte der
Vatikan den emeritierten Bischof vom Priesteramt. Monate später
akzeptierte der Vatikan seinen Rücktritt, womit Lugo wieder
Geschichte schreibt. Denn noch nie zuvor befreite die katholische
Kirche einen Geistlichen von so einem hohen Amt. Lugo ist seitdem
wieder Laie.
Der "Indianer-Bischof" als Lehrmeister
Geboren wurde Lugo 1951, drei Jahre vor Beginn der blutigen Diktatur
von Alfredo Stroessner (1954-1989). Sein Onkel, ein Colorado-Politiker,
der sich bald mit Stroessner überwarf, ging nach Haft und
Folter ins Exil. Auch Lugos drei Brüder mußten Paraguay
verlassen. Nachdem Fernando Lugo als Dorfschullehrer gearbeitet
hatte, besuchte er das Priesterseminar. 1977 ging er als Steyler
Missionar für fünf Jahre nach Ecuador, wo er die Befreiungstheologie
kennenlernte. Sein Lehrmeister war der "Indianer-Bischof"
Leonidas Proaño.
Nach einem Studium in Rom wirkte Lugo ab 1994 als Bischof der
ländlichen Diözese San Pedro - just in den Jahren,
in denen die Bauernbewegungen in Paraguay stark wurden. Der Bischof
stellte sich auf die Seite der Landbesetzer, von denen Dutzende
durch Auftragskiller der Großgrundbesitzer ermordet wurden.
Das trug ihm ebenfalls Morddrohungen ein.
Befreiungstheologie im Praxistest
Lugo kam zu dem Schluß, daß seine seelsorgerliche
Arbeit von unten nicht ausreichte. "Die Frage war, wie man
die großen Forderungen durchsetzen könnte", sagt
er. Politik sei ein wichtiges Werkzeug für einen echten
Wandel. "Die Kirche bleibt wichtig, aber sie reicht nicht.
Für mich sind Politik und Kirche zwei Seiten einer Medaille.
In beiden Fällen geht es darum, die Menschenwürde,
das Allgemeinwohl zu erlangen." Lugo übernahm den Ansatz
der Befreiungstheologie in sein politisches Programm. Seine Regierung
werde demokratisch sein, verspricht er, alle Bevölkerungsschichten
sollen sich beteiligen.
Auch wenn er bisweilen als "roter Bischof" tituliert
und in eine Reihe mit Venezuelas sozialistischem Präsidenten
Hugo Chavez gestellt wird, liegt Lugo wo hl eher auf einer
gemäßigten sozialdemokratischen Linie. Angesichts
der Kräfteverhältnisse in Paraguay bleibt ihm auch
kaum eine andere Wahl. Die ihm nahe stehenden linken Bauerngruppen
sind ungleich schwächer als die Traditionspartei der Liberalen,
die den Vizepräsidenten stellen wird. Etiketten jeder Art
weist er von sich. Lugo will, daß Paraguay seinen eigenen
Weg geht.
(Gerhard Dilger, epd)
Weitere Informationen in der Netzeitung:
http://www.netzeitung.de/politik/ausland/984637.html
http://www.netzeitung.de/politik/ausland/984057.html
|