Foto entnommen aus "TAP". |
Siebzig Jahre nach der Landung der Spanier am Rio Paraguay
gestattete der spanische König den Jesuiten (Gesellschaft
Jesu = SJ) das Missionieren der Guaraní-Indianer in der
Provinz Guairá. Hier schufen die Patres das "Gottesreich
auf Erden" mit dem bemerkenswerten Versuch, nach ihren
Vorstellungen Urchristentum zusammen mit den Ureinwohnern zu
praktizieren - sie nannten es auch "Göttliches Experiment".
Sie legten große landwirtschaftliche Siedlungen an, in
denen bis zu 200.000 Menschen Arbeit fanden, überwiegend
missionierte Indios, die bisher nur ein Nomadenleben gekannt
hatten. Den Jeuiten gelang es, daß die Indianer ihre angestammte
Heimat in den Urwäldern verließen und sich in den
Jesuitensiedlungen seßhaft machten. Die Missionare lehrten
sie Ackerbau und Viehzucht und handwerkliche Berufe. Die Indianer
legten ein erstaunliches Geschick an den Tag und lernten schnell.
Sie zeigten sich talentiert und stellten ihr künstlerisches
Können und ebenfalls ihre musikalische Begabung unter Beweis.
Davon zeugen noch heute großartige Schnitzereien, Steinmetzarbeiten
und Bauten und die Liebe der Paraguayer zur Musik. Kolonisten
setzten bei der spanischen Krone ihre Interessen durch, und per
Dekret des spanischen Königs Karl III. wurde dieser "blühende
Jesuitenstaat" über Nacht aufgelöst. Dieses
jesuitische "Gottesreich" dauerte fast 160 Jahre. Ruinen
der jesuitischen Missionen stehen noch heute und können
besichtigt werden.
Allerdings gibt es auch andere Schilderungen über diesen
"blühenden Jesuitenstaat", dieses "Gottesreich
auf Erden" oder "Göttliches Experiment",
z.B. schreibt Ernst Seeger:
"Schon das äußere Bild der Siedelung, das sich
mit geringen Abweichungen in allen anderen Reduktionen an Parana
und Uruguay, in Tschiquitos, Mojos und wo sonst die Väter
wirken, wiederholt, verrät deutlich, welcher Art die soziale
und wirtschaftliche Verfassung dieser jesuitischen Kolonien ist.
Wir haben hier überall kommunistische Gemeinwesen vor uns,
die patriarchalisch aber absolut von zwei oder mehr Patres regiert
werden. In der Tat ist der Begriff des Privateigentums den 2.500
bis 8.000 Indianern, welche in einer solchen Reduktion wohnen,
fast unbekannt. Nur der geringfügige Schmuck der Weiber
wird als solches betrachtet. Alles was der 'Christ' sonst hat
und braucht, die Hütte, in der er haust, die Felder, die
er bestellt, das Vieh, von dem er sich nährt und kleidet,
die Waffen, die er trägt, die Instrumente, mit denen er
arbeitet, selbst das einzige Tischmesser, das jedes junge Paar
bei der Gründung seines Hausstandes erhält, ist Tupambak
- Gottes Eigentum. Dem entspricht es, daß der 'Christ'
weder über seine Zeit noch über seine Person frei verfügen
kann. Nur als Säugling bleibt er in der Obhut seiner Mutter.
Aber kaum kann er laufen, so kommt er unter die Aufsicht der
Patres und ihrer Beamten, die das Kind schon im Spiele zu allerlei
nützlicher Arbeit anzuleiten suchen. Wächst das Kind
heran, so lernt es, falls es ein Mädchen ist, spinnen und
weben, ist es ein Knabe, lesen und schreiben, aber nur in der
Guaranísprache. ... Das Höchste, was der Indianer
bei besonderer Begabung erreichen kann, ist das Korregidorat,
das Amt des Korregidors, als welcher er den regierenden Patres
gleichsam als Feldwebel zur Hand gehen muß.Verrät
er besondere Anlage zu irgendwelchem Handwerk, so wird er sorgfältig
darin ausgebildet. Aber die Verfügung steht ihm nicht zu,
sondern den Patres. Er würde auch sicherlich nicht selber
wählen, wenn er könnte. So wenig ist er gewöhnt,
über seine Person zu verfügen. Er darf sogar nicht
einmal auf eigene Faust den Bezirk der Reduktion verlassen, geschweige
denn eine Niederlassung der Weißen besuchen. Er steht mithin
unter Aufsicht. Er ist tatsächlich kein freier Mann. ...
Hoensbroech nennt den Jesuitenstaat Paraguay ein kommunistisches
Gemeinwesen. Zu Unrecht. Es handelt sich um ein auf solipsistischer
Grundlage aufgebautes kapitalistisches Kollektiv, in welchem
die christliche Nächstenliebe schon so gründlich versachlicht
und unpersönlich geworden ist, daß die Jesuitenpatres
über alles, auch über die Eheschließung ihrer
Zöglinge frei verfügten."
Solipsismus (laut Duden, Fremdwörterbuch): "erkenntnistheoretischer
Standpunkt, der nur das eigene Ich mit seinen Bewußtseinsinhalten
als das einzig Wirkliche gelten läßt und alle anderen
Ichs mit der ganzen Außenwelt nur als seine Vorstellung
annimmt".
corregidor (span.): Land-, Stadtrichter; Amtmann; Vogt;
Landrat
Reduktionen: Provinzen
In "Das Geheimnis der Jesuitenmacht und ihr Ende"
vom Feldherrn Erich Ludendorff und Dr. Mathilde Ludendorff wird
eine erschütternde Schilderung dieses "Gottesreiches
auf Erden" gegeben.
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